Ich jage dich - Kriminalroman

von: Lars Kepler

Bastei Lübbe AG, 2015

ISBN: 9783838758435 , 687 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Ich jage dich - Kriminalroman


 

1


ES IST VIERTEL vor neun am Freitag, den zweiundzwanzigsten August. Nach den traumhaften Abenddämmerungen und hellen Nächten des Hochsommers senkt sich die Dunkelheit inzwischen überraschend schnell herab. Vor der Glasfassade des Foyers zum Landespolizeiamt ist es bereits schwarz.

Margot Silverman verlässt den Aufzug und geht zu den Sicherheitstüren am Eingang. Sie trägt einen schwarzen Wickelcardigan, eine weiße Bluse, die über ihren Brüsten spannt, und eine schwarze Hose, deren hohe Taille sich an ihren wachsenden Bauch schmiegt.

Ohne Eile nähert sie sich den beiden Drehtüren in der Glasfassade. Der Mann vom Wachdienst sitzt am Empfang und richtet die Augen auf einen Monitor, auf dem er die Bilder der Überwachungskameras betrachtet, die jeden Teil des großen Gebäudes rund um die Uhr im Auge behalten.

Margots Haare haben den gleichen hellen Farbton wie geschliffene Birke und fallen in einem schweren Zopf auf ihren Rücken. Sie ist sechsunddreißig Jahre alt, zum dritten Mal schwanger und wirkt mit ihren glänzenden Augen und roten Wangen wie das blühende Leben selbst.

Nach einer langen Arbeitswoche, in der sie jeden Tag Überstunden gemacht hat und zwei Mal ermahnt worden ist, es nicht zu übertreiben, ist sie endlich auf dem Heimweg.

Sie ist die neue Expertin der Landeskriminalpolizei für Serien- und Mehrfachmörder, in deren Aufgabengebiet auch die Beschäftigung mit Stalking fällt. Der Mord an Maria Carlsson ist ihr erster eigener Fall in ihrer neuen Funktion als ermittelnde Kommissarin bei der Landeskriminalpolizei.

Es gibt weder Zeugen noch Verdächtige. Das Opfer war alleinstehend, kinderlos, arbeitete im Marketing bei IKEA und hatte das schuldenfreie Reihenhaus der Eltern übernommen, nachdem ihr Vater gestorben und ihre Mutter in ein Altersheim gezogen war.

Maria Carlsson war regelmäßig mit einer Kollegin zur Arbeit gefahren, hatte an diesem Morgen jedoch nicht am Kyrkvägen gewartet. Die Kollegin war daraufhin zu ihr gefahren, hatte geklingelt und auf der Rückseite der Häuserzeile durchs Fenster geschaut. Maria saß auf dem Fußboden, ihr Gesicht war völlig zerfleischt und der Kopf fast abgetrennt worden, sodass er seitlich herabhing. Ihr Mund stand auf eine seltsame Art offen.

Dem ersten Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin zufolge spricht alles dafür, dass der Mund nach Eintreten des Todes arrangiert wurde. Theoretisch erscheint es aber auch möglich, dass er von allein in dieser Position erstarrt ist, da die Totenstarre zwar im Herzen und im Zwerchfell beginnt, sich aber schon zwei Stunden später auf Hals und Kiefer ausbreitet.

Es ist Freitagabend und in dem großen Foyer halten sich nur wenige Menschen auf. Zwei Polizisten in dunkelblauen Pullovern unterhalten sich und ein müder Staatsanwalt verlässt einen der Räume für Haftprüfungsverhandlungen.

Schon als Margot die Leitung der Ermittlungen übertragen wurde, wusste sie instinktiv, dass sie möglicherweise überambitioniert agieren und in zu großen Dimensionen denken würde. Die anderen Ermittler hätten sie mit Sicherheit ausgelacht, wenn sie ihnen erzählt hätte, wie sicher sie sich ist, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben.

Im Laufe der Woche hat sich Margot Silverman den Videoclip, in dem Maria Carlsson sich ihre Strumpfhose anzieht, mehr als zweihundert Mal angesehen. Alles deutet darauf hin, dass die Frau unmittelbar nach dem Auftauchen des Films bei Youtube ermordet wurde.

Sie hat versucht, die kurze Filmsequenz zu deuten, kann aber nichts Auffälliges feststellen. Menschen, für die Strumpfhosen einen Fetisch darstellen, sind zwar nicht weiter ungewöhnlich, aber nichts an diesem Mord deutet auf eine derartige Obsession hin.

Der Videoclip zeigt lediglich einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben einer ganz gewöhnlichen Frau. Sie ist alleinstehend, hat einen guten Job und will zu einem Abendkurs in Comiczeichnen.

Es lässt sich unmöglich sagen, warum der Täter sich in ihrem Garten aufhielt, ob es sich dabei lediglich um einen Zufall handelte oder ob der Tatverlauf akribisch geplant war. Aber in den Minuten vor der Tat hält er die Frau auf Film fest, und dafür muss es einen Grund geben. Und da er den Link an die Polizei geschickt hat, möchte er den Beamten sehr wahrscheinlich etwas mitteilen.

Der Täter will auf etwas bei dieser einen Frau oder bei gewissen Frauen hinweisen. Vielleicht geht es ihm auch um alle Frauen, vielleicht sogar um die ganze Gesellschaft.

In Margot Silvermans Augen sind aber weder Verhalten noch Aussehen der Frau auffällig. Sie konzentriert sich lediglich mit gerunzelter Stirn und gespitztem Mund darauf, dass ihre Strumpfhose richtig sitzt.

Margot ist zweimal in dem Reihenhaus im Bredablicksvägen gewesen, vor allem hat sie sich aber auf die forensische Filmdokumentation über den noch unveränderten Tatort konzentriert.

Im Vergleich zum Film der Polizei wirkt der Clip des Täters nahezu liebevoll. Die minutiöse Darstellung der Spuren, die der bestialische Angriff hinterließ, ist dagegen schonungslos. Aus verschiedenen Blickwinkeln haben die Kriminaltechniker die Tote gefilmt, die mit gespreizten Beinen in ihrem dunklen Blut auf dem Fußboden sitzt. Der BH ist zerschnitten und hängt seitlich herab, eine weiße Brust ruht auf den hochgedrückten Wülsten des Bauchs. Von ihrem Gesicht ist praktisch nichts mehr übrig, nur ein gähnender Mund in einem roten Morast.

Margot bleibt scheinbar zufällig neben der Obstschale auf dem Tisch der Sitzgruppe im Foyer stehen, wirft einen Blick auf den Wachmann, der gerade telefoniert, und kehrt ihm den Rücken zu. Einige Sekunden beobachtet sie sein Spiegelbild in der Glaswand zu dem großen Lichthof, dann nimmt sie sechs Äpfel aus der Schale auf dem Tisch und steckt sie in ihre Tasche.

Sechs sind zu viele, das weiß sie natürlich, aber sie kann einfach nicht aufhören, bevor sie alle eingesteckt hat. Jenny kann heute Abend vielleicht einen kleinen Apfelkuchen daraus backen und ihn mit Butterflocken bestreuen, die dann zusammen mit dem Zucker und dem Zimt karamellisieren.

Ihr Gedankengang wird unterbrochen, als ihr Telefon klingelt. Sie schaut auf das Display und sieht das Foto von Adam Youssef, der zu ihrem Ermittlungsteam gehört.

»Bist du noch im Haus?«, fragt Adam. »Sag, dass du noch hier bist, wir haben nämlich …«

»Ich sitze schon im Auto und bin auf dem Klarastrandsleden«, lügt Margot. »Was wolltest du sagen?«

»Wir haben einen neuen Link zu einem Film bekommen.«

Ein flaues Gefühl breitet sich in ihrem Magen aus, und sie legt eine Hand unter die schwere Rundung ihres Bauchs.

»Einen neuen Link«, wiederholt sie.

»Kommst du?«

»Ich halte an und drehe«, antwortet sie und macht auf dem Absatz kehrt. »Sorg dafür, dass wir eine Kopie des Films bekommen.«

Margot hätte ihren Weg durch das Foyer fortsetzen, nach Hause fahren und den Fall Adam überlassen können. Sie muss nur einen einzigen Anruf tätigen, um für das nächste Jahr in Elternzeit zu gehen. Vielleicht hätte sie es getan, wenn sie geahnt hätte, wie viel Gewalt sie bei ihrem ersten Fall erwarten wird.

Doch auch wenn die Zukunft im Dunkeln liegt, nähern die Planeten sich gefährlichen Konstellationen. In diesem Augenblick treibt ihr Schicksal wie eine Rasierklinge auf stillem Wasser.

Das Licht im Aufzug lässt ihr Gesicht älter erscheinen. Der dünne schwarze Kajal-Strich um ihre Augen ist fast verschwunden. Als sie den Kopf zurücklehnt, begreift sie, was ihre Kollegen meinen, wenn sie sagen, sie sehe ihrem Vater ähnlich, dem früheren Bezirkspolizeipräsidenten Ernest Silverman.

Der Aufzug hält in der achten Etage, und sie geht so schnell durch den leeren Flur, wie ihr großer Bauch es zulässt. Adam und sie haben Joona Linnas Büro noch in derselben Woche übernommen, in der die Polizei ihre Gedenkfeier für ihn abhielt. Da Margot Joona nicht persönlich kannte, hatte sie kein Problem damit.

»Du hast aber ein verdammt schnelles Auto«, sagt Adam, als sie hereinkommt. Er grinst sie mit seinen spitzen Zähnen an.

»Ein ziemlich schnelles«, erwidert Margot.

Adam Youssef ist achtundzwanzig Jahre alt, aber sein Gesicht ist rund wie das eines Teenagers. Seine Haare sind längere Zeit nicht geschnitten worden, und sein kurzärmeliges Hemd fällt über die Jeans. Er stammt aus einer assyrischen Familie, ist in Södertälje aufgewachsen und hat Fußball in der Oberliga Nord gespielt.

»Wann wurde der Film bei Youtube hochgeladen?«, fragt sie.

»Vor drei Minuten«, antwortet Adam. »Er ist noch da. Steht vor ihrem Fenster und …«

»Das wissen wir nicht, aber …«

»Ich glaube schon, dass es so ist«, unterbricht er sie. »Er ist bestimmt noch da.«

Margot stellt ihre schwere Tasche auf dem Fußboden ab, setzt sich auf ihren Stuhl und ruft die Kriminaltechniker an.

»Hallo, Margot hier. Habt ihr uns eine Kopie geschickt?«, fragt sie gestresst. »Hört zu, ich brauche einen Ort oder einen Namen, ich muss den Ort oder die Frau identifizieren … Setzt alle Hebel in Bewegung, ihr habt fünf Minuten, macht verdammt nochmal, was ihr wollt, aber gebt mir etwas, dem ich nachgehen kann, erst dann beginnt euer Wochenende.«

Sie legt das Telefon weg und öffnet den Deckel des Pizzakartons auf Adams Schreibtisch.

»Du willst nichts mehr?«, fragt sie.

Das Mailprogramm signalisiert den Eingang einer Nachricht, und Margot stopft sich rasch ein Stück Pizza in den Mund. Eine ungeduldige Falte hat sich auf ihrer Stirn gebildet. Sie öffnet die Filmdatei und vergrößert auf...