Die Strömung - Kriminalroman

von: Rolf Börjlind, Cilla Börjlind

btb, 2016

ISBN: 9783641158910 , 528 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Die Strömung - Kriminalroman


 

Höganäs, Schonen, 2013

Sie fuhr mit dem Rad immer denselben Weg: vom Rand der Nyhamnsläge hinauf zum Naturschutzgebiet Östra Kullaberg und dann weiter zur Dorfstraße von Björkröd. Am Ende der Dorfstraße hielt sie an. An zähen Tagen machte sie eine kurze Pause, trank einen Schluck Wasser und radelte dann wieder zurück. An guten Tagen lief sie eine Runde durch den Wald.

Das wollte Olivia Rönning auch an diesem Morgen tun.

Ohne Eile fuhr sie die Hauptstraße entlang. Es war kurz nach sieben, ihr Dienst würde nicht vor zehn Uhr anfangen. Sie sah zum grauen Himmel hinauf, Regen hing in der Luft, doch so war es immer zu dieser Jahreszeit, kein Grund, seine Pläne zu ändern. Sie warf einen Blick auf den Straßengraben und ließ sich von ihren Gedanken treiben. Das war fast das Schönste an den frühen Radtouren: Sie stimulierten das Gehirn. Die Kombination aus Sauerstoff und Bewegung brachte in Schwung, was sonst brachliegen würde, und machte Platz für Gedanken, die nicht nur die Arbeit betrafen. Gerade kam ihr Ove Gardman in den Sinn. Er war der Grund dafür gewesen, dass sie hier gelandet war: als Streifenpolizistin in Höganäs. Sie hatte sich in Strömstad beworben, um näher bei Ove zu sein, der auf Nordkoster lebte, doch dort hatte sie keine Stelle bekommen. Dies hier war die Alternative gewesen. »Na, zumindest bist du jetzt auf der richtigen Seite Schwedens«, hatte Ove gesagt. Sie hatte einen Sechsmonatsvertrag unterschrieben. Die ersten zwei Monate hatte sie gerade hinter sich gebracht, und jetzt wurde Ove eine Forschungsstelle in Costa Rica angeboten, die er nicht ablehnen konnte.

Nun saß sie hier, in Höganäs, und das noch für weitere vier Monate.

Nicht gerade ihr Lebenstraum, eher im Gegenteil. Abgesehen von den neuen Kollegen – oberflächliche und anstrengende Kontakte – hatte sie bislang niemanden aus der näheren Umgebung kennengelernt. Auf dem Revier arbeiteten fast nur Männer, und der Jargon war dementsprechend.

Schwer verdaulich.

Besonders für sie.

Olivia war es nicht gewohnt, sich derart zurückzuhalten. In der ersten Zeit hatte sie mehr Energie darauf verwendet, Vorurteile gegenüber Migranten abzubauen, als auf die eigentliche Polizeiarbeit. Was zwangsläufig zur Isolierung geführt hatte. Nicht dass sie bei der Arbeit ausgegrenzt würde. Aber wenn es darum ging, nach der Schicht ein Bier zu trinken, wurde sie gar nicht erst gefragt. Was für sie aber in Ordnung war. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Alkohol die Ressentiments gegenüber denen, »die nicht so sind wie wir«, beeinflusste – eine gängige Beschreibung im Übrigen, wenn man nicht unverblümt sagen wollte, was man dachte und meinte.

Von der Kockenhusallee bog sie auf die Dorfstraße ab. Hier standen die Häuser nicht mehr ganz so dicht beieinander. Auf den paar größeren Bauernhöfen war kein Mensch zu sehen. Als sie das Ende des Wegs erreicht hatte, stieg sie ab und lehnte das Fahrrad an eine dicke Kiefer. Ein zügiger Spaziergang war jetzt genau das Richtige. Sie zog das grüne Haargummi heraus und schüttelte ihr langes schwarzes Haar aus, schob das Gummi über den Lenker und betrat den Wald.

Sie war schon oft hier gewesen und kannte verschiedene Wege. Die meisten war sie mindestens schon einmal gegangen. Diesmal entschied sie sich, nach rechts abzubiegen, zwischen die Kiefern. Diesen Weg nahm sie gerne, er führte durch abwechslungsreiches Terrain, dichten Wald, unterbrochen von felsigen Hügelketten, eine schöne Mischung aus Hängen und ebenem Gelände. Hin und wieder waren hier auch andere Spaziergänger unterwegs.

Heute nicht.

Vielleicht liegt es am Wetter, dachte sie. Immerhin war Regen vorhergesagt. Oder an der Uhrzeit? Ihr Atem ging regelmäßig, der Weg war nicht sonderlich schwer zu gehen, und sie erreichte den Punkt, an dem er sich teilte, schneller als sonst. Hier blieb sie kurz stehen. Geradeaus ging es zu einem steilen Felshang, rechts zur Küste. Vielleicht sollte ich mir mal dieses berühmte Kunstwerk ansehen? Diese Skulpturen, Nimis, drüben bei Håle?

Sie entschied sich also für den Weg zum Wasser.

Es dauerte eine Weile, immer wieder musste sie sumpfige Abschnitte überqueren, teils fast undurchdringliches niedriges Stachelgestrüpp. Als sie schließlich das Meer vor sich sah, war sie außer Atem. Wo genau das Kunstwerk lag, wusste sie nicht, also ging sie einfach die Steilküste entlang und hoffte, bald darauf zu stoßen. Wahrscheinlich lag es ein Stück weiter gen Westen. Und tatsächlich entdeckte sie nach einer Weile die Spitzen sonderbarer Holztürme. Das musste es sein.

Sie ging bis zum Rand des Steilhangs und entdeckte einen Trampelpfad, der zum Wasser hinunterführte, einen abschüssigen Weg, der fast senkrecht nach unten verlief. Gehen die Leute ernsthaft hier hinunter? Ist das nicht ziemlich schwierig? Aber augenscheinlich war dies die einzige Möglichkeit, den Skulpturenpark zu erreichen.

Mit einer Hand stützte sie sich am Boden ab und stolperte und rutschte den Pfad hinunter. Nach ein paar Minuten erreichte sie eine lange, halb überbaute Holztreppe aus Planken und Zweigen. Das war offensichtlich der Eingang. Sie hatte schon mehrfach über Nimis gelesen. Der Künstler Lars Vilks hatte hier unten sein ganz eigenes Reich erschaffen und es Ladonia genannt. Inzwischen war Vilks eher dafür bekannt, dass er den Propheten Mohammed zum Rondellhund gemacht hatte und die Säpo daraufhin gezwungen gewesen war, in einem Wohnwagen auf seinem Grundstück Tag und Nacht Wache zu halten.

Hier in Kullabygden.

Olivia ging die Holztreppe hinunter und erreichte den Strand. Dort erwartete sie eine wahre Geisterlandschaft. Der Künstler sammelte seit fünfunddreißig Jahren Treibholz, Äste und Zweige am Ufer und baute daraus gigantische Türme mitsamt Gängen und begehbaren Räumen. Einer von ihnen erstreckte sich ganze fünfundzwanzig Meter in die Höhe. An einem anderen hing ein schwarzes Tuch, das der Wind zerfetzt hatte. Die gesamte Anlage war mehr als hundert Meter lang, und alles sah grau und sperrig aus – vermutlich das Sperrigste, was Olivia in ihren sechsundzwanzig Jahren je gesehen hatte.

Vorsichtig kletterte sie zwischen den Formationen herum. Der Wind heulte in den dunklen, wacklig erscheinenden Türmen, das Haar peitschte ihr ums Gesicht. Sie blickte hinüber zu den runden Uferfelsen, sah, wie das Meer Wasserkaskaden gegen das Land warf. Und mit einem Mal wollte sie nur noch fort von hier. Dieser Ort hatte etwas Kaltes, Totes an sich. Sie lief auf den größten Turm zu. Gab es denn keine andere Möglichkeit, zum Anfang der langen Holztreppe nach oben zu gelangen, als dort hindurch?

Als sie gerade in den Turm klettern wollte, meinte sie, in der Ferne zwischen ein paar Planken eine Bewegung wahrzunehmen. Sie blieb stehen.

»Hallo?«

Statt einer Antwort hörte sie nur das Heulen des Windes und das trockene Klappern loser Holzteile. Einen Moment lang hielt sie reglos inne. Dort hinten bewegte sich nichts mehr, allerdings konnte sie einen Hauch von Zigarettenrauch riechen. Olivia drehte sich um und sah direkt vor sich den Zugang zur Treppe. Er war verhältnismäßig schmal. Prompt blieb sie an ein paar hervorstehenden Holzteilen hängen und riss Maschen aus ihrem Pullover. Dann rutschte ihr Fuß schmerzhaft unter eine Planke. Das letzte Stück der überdachten Treppe konnte sie nur noch mithilfe beider Hände bewältigen – aber dann hatte sie das Schlimmste hinter sich. Jetzt lag nur noch der steile Aufstieg vor ihr. Sie arbeitete sich nach oben, und als sie das letzte Stück des Steilhangs erreichte, sank sie zu Boden und tastete ihren Knöchel ab. Der ganze Fuß tat weh. Verdammt, was hab ich hier auch zu suchen? Sie blickte auf die Geisterlandschaft hinunter. Nur das schwarze zerrissene Stück Stoff auf der Spitze eines der Türme bewegte sich dort unten.

Olivia stand auf, machte sich auf den Weg. Was nicht gerade einfach war. Unter Schmerzen hinkte sie zwischen den Bäumen hindurch, und schon nach ein paar Minuten musste sie eine Pause einlegen. Sie lehnte sich an einen krumm gewachsenen Baum mit dicken schwarzen Ästen und holte tief Luft. Wie aus einem Reflex, einem Gefühl heraus, nicht allein zu sein, dass jemand hier war, zwischen den Bäumen, im Wald, schnellte sie plötzlich herum. Doch das Einzige, was sie sah, waren Bäume und noch mehr Bäume und in der Ferne ein paar dunkle Findlinge. Hinkend machte sie sich wieder auf den Weg. Sie hatte keine Ahnung, wo der Pfad verlief, der zurück zur Straße führte. Sie hatte ihn verlassen, als sie sich zuvor in Richtung Küste gewandt hatte, doch jetzt war sie ein gutes Stück weiter oben unterwegs. Aber sie ahnte, in welche Richtung sie gehen musste, und sie wusste auch, dass das gesamte Gelände von Pfaden durchzogen war. Früher oder später würde sie auf einen stoßen.

Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie zwischen ein paar Bäumen hervorkam und einen dieser Pfade entdeckte. Der flache festgetrampelte Boden erleichterte ihr das Gehen, und sie konnte ein bisschen schneller marschieren. Sie hielt den Blick fest auf die Bäume gerichtet, sie musterte Zweige, die sich bogen, und Gestrüpp, das sich im Wind bewegte – und plötzlich sah sie das Fahrrad. Es stand immer noch an der dicken Kiefer, genau dort, wo sie es abgestellt hatte. Sie humpelte das letzte Stück auf den Baum zu und schob das Rad zurück auf den Weg. Als sie gerade aufsteigen wollte, sah sie ein Stück Papier am Boden. Sie bückte sich. Ein ausgerissenes Stück Stadtplan. Sie stopfte es in die Jackentasche, stieg auf und radelte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Erst als sie sich Mölle näherte, entdeckte sie, dass ihr grünes Haargummi...