Das Erwachen des Feuers - Draconis Memoria Buch 1

von: Anthony Ryan

Klett-Cotta, 2017

ISBN: 9783608108972 , 832 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 19,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Das Erwachen des Feuers - Draconis Memoria Buch 1


 

Prolog


An: Vorstand des Eisenboot-Handelssyndikats

Zentrale Niederlassungen in Feros

Von: Lodima Bondersil – stellvertretende Direktorin der Abteilung Kerberhafen, Niederlassungen auf dem arradsianischen Kontinent

Datum: 29. Settemer 1578 (166. Tag des 135. Unternehmensjahrs nach Firmenzeitrechnung)

Betreff: Die Ereignisse in Zusammenhang mit dem Ableben von Mr. Havelic Dunmorn, Direktor der Abteilung Kerberhafen, Niederlassungen auf dem arradsianischen Kontinent

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Sie dieses Schreiben in Händen halten, werden Sie bestimmt schon mittels Blau-Trance vom Ableben meines Vorgesetzten, Mr. Havelic Dunmorn, erfahren und eine erste Schätzung der mit diesem tragischen Ereignis in Verbindung stehenden Todesfälle und beträchtlichen Materialschäden erhalten haben. Ich verfasse diesen Bericht in der Hoffnung, dass er mit jeglichen unsinnigen und falschen Gerüchten aufräumt, die von Konkurrenten oder Syndikatsmitarbeitern verbreitet werden. (Im Anhang finden Sie eine Liste der Personen, für die ich eine Kündigung bzw. vorzeitige Vertragsauflösung nahelege.) Es ist meine Absicht, eine vollständige und sachliche Darstellung der Ereignisse zu liefern, um dem Vorstand einen besseren Überblick über die Geschehnisse zu ermöglichen und die Entscheidungsfindung hinsichtlich der weiteren Vorgehensweise zu erleichtern.

Der fragliche Vorfall ereignete sich am 26. Settemer im und um das Hafen- und Ernteareal von Kerberhafen. Der Vorstand mag sich an Mr. Dunmorns Blau-Trance-Mitteilung vom 12. Dimester erinnern, in der er vom erfolgreichen Fang eines wilden Schwarzen durch die Freie Dienstleistergesellschaft der Kettenmeister im Rahmen einer ausgedehnten Expedition in die südwestlichen Regionen des arradsianischen Inlands berichtete. Außerdem möchte ich auf die letzten zehn Quartalsberichte dieser Außenstelle verweisen, in denen die zunehmende Sterblichkeit von in Gefangenschaft gezüchteten Exemplaren beschrieben wird, die bei Schwarzen besonders hoch ist. Bestimmt bedarf der Vorstand keiner Erinnerung, was die eingeschränkte Wirksamkeit von Produkt angeht, das von Jungtieren und Tieren aus Inzucht stammt. Deshalb wurde der Fang eines lebenden und gesunden wilden Schwarzen (dem ersten seit über zwölf Jahren) von allen Angestellten des Syndikats, gleich welchen Ranges, mit beträchtlicher Freude aufgenommen, bot er doch die Aussicht auf verbessertes Erbmaterial und hochwertige Erzeugnisse auf Jahre hinaus. Leider stellten sich diese Einschätzungen schon bald als voreilig heraus.

Der Schwarze – ein ausgewachsenes, zirka fünf Meter langes Männchen – erwies sich als äußerst schwer zu bändigen und ausgesprochen reizbar und neigte selbst sediert und mit angelegtem Maulkorb zu gefährlichen Angriffen. Mehrere Erntemeister wurden beim Ringen mit dem Tier verletzt, einer davon schwer. Das Ungetüm drückte ihn gegen die Wand des Pferchs, nachdem es sich mehrere Stunden lang schlafend gestellt hatte. Die Verschlagenheit der verschiedenen hierzulande heimischen Gattungen wurde zwar mehrfach von Erntemeistern und Naturkundlern dokumentiert, doch muss ich gestehen, dass ich angesichts der bösartigen Hinterlist dieses Exemplars ein gewisses Unbehagen verspürte, habe ich doch in all meinen Jahren auf diesem Kontinent dergleichen nie erlebt.

Neben seinen zahlreichen Gewaltausbrüchen weigerte der Schwarze sich auch noch, mit den in Gefangenschaft gezüchteten Weibchen zu kopulieren, und reagierte auf ihre Gegenwart entweder gleichgültig oder aggressiv. Auch scheuten die schwarzen Weibchen die Nähe ihres wilden Artgenossen. Allein bei seinem Anblick wurden sie unruhig und stießen laute Schreie aus. Als nach vier Monaten immer noch keine Aussicht auf eine erfolgreiche Paarung bestand und die Kosten für Futter und Pflege sich summierten, ordnete Mr. Dunmorn an, das Untier zu ernten. Ich füge eine Niederschrift meiner Unterhaltung mit Mr. Dunmorn bei, die meine Meinung in dieser Angelegenheit vollständig wiedergibt und hier nicht wiederholt werden muss.

Mr. Dunmorn wollte den Anlass mit einem Fest begehen, um die Moral der Bevölkerung zu heben, die angesichts der jüngsten Markteinbrüche und der daraus resultierenden Vertragsanpassungen einen Dämpfer erfahren hatte. Aus diesem Grund wurde die Ernte auf den Tag des Blut-Loses gelegt, der andernorts nur selten als Tag der Freude gilt, sich hier in der Abgeschiedenheit jedoch zum jährlichen Fest entwickelt hat. Die Vorstellung, dass einem Kind durch pures Glück ein Leben in Reichtum beschert wird, erfreut sich vor allem bei jenen großer Beliebtheit, deren eigene Ambitionen an ihren beschränkten Fähigkeiten scheitern.

Um den Feierlichkeiten eine besondere Note zu verleihen, beabsichtigte Mr. Dunmorn, ein Fünfzigstel des gewonnenen Produkts im Rahmen einer Verlosung unter dem Volk zu verteilen. In Anbetracht des gegenwärtigen Marktpreises für unverdünntes Schwarz dürfte der Vorstand sich der Attraktivität dieses Versprechens bewusst sein und verstehen, weshalb zum entscheidenden Zeitpunkt ein solches Gedränge in der Umgebung des Erntebottichs herrschte.

Persönlicher Bericht

Der Vorstand möge mir meine Unfähigkeit verzeihen, den genauen Ablauf der dem Unglück vorangegangenen Ereignisse wiederzugeben. Trotz größter Bemühungen war ich leider nicht in der Lage, sie zu rekonstruieren. Viele Augenzeugen weilen leider nicht mehr unter den Lebenden, und die verbleibenden sind oftmals unzurechnungsfähig oder gar dem Wahnsinn anheimgefallen. Der Kontakt mit unverdünntem Produkt kann unvorhersehbare Folgen haben. Ich selbst war weder beim Blut-Los noch bei der Ernte zugegen, da ich in der Akademie geblieben war, um mich meiner Korrespondenz zu widmen.

Etwa zwanzig Minuten nach der vierzehnten Stunde bewog mich lautes Geschrei von draußen dazu, die Arbeit niederzulegen. Beim Blick aus dem Fenster sah ich zahlreiche Stadtbewohner aufgebracht, nein, in Panik durch die Straßen rennen, darunter manch einer mit erschrockenem oder tränenüberströmtem Gesicht. Als ich eine meiner Schülerinnen erspähte, öffnete ich das Fenster und rief ihren Namen. Da sie, wie alle meine Mädchen, ausgesprochen klug und erfinderisch ist, gelang es ihr, sich aus der Masse zu lösen und den Balkon der Akademie zu erklimmen. Am Geländer hängend berichtete sie mir: »Er ist ausgebrochen, Madame! Der Schwarze läuft frei durch die Stadt! Es gibt viele Tote!«

Ich muss gestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt einen schändlichen Mangel an Entschlusskraft an den Tag legte, wofür ich den Vorstand vielmals um Verzeihung bitten möchte. Wie Ihnen allerdings sicherlich bekannt ist, habe ich mich während meiner drei Jahrzehnte auf diesem Kontinent nie einer vergleichbaren Situation gegenübergesehen. Nach einer unverzeihlichen Verzögerung von mehreren Sekunden war ich schließlich so weit bei Sinnen, dass ich meiner Schülerin eine Frage stellte: »Wie?«

Ein untypischer Ausdruck von Verwirrung trat auf das Gesicht des Mädchens, und eine halbe Minute verstrich, ehe es zögernd und unpräzise antwortete. »Das Blut-Los … Da war eine Frau … Eine Frau mit einem Kind …«

»Es ist ganz normal, dass sich Eltern mit ihren Kindern zum Blut-Los einfinden«, entgegnete ich, nicht ohne Ungeduld. »Drück dich genauer aus!«

»Sie …«, jetzt sprachen Schrecken und Verwunderung zu gleichen Teilen aus ihrer Miene, »… sie ist gesprungen.«

»Gesprungen?«

»Ja, Madame. Mit dem Kind … Sie hat das Kind genommen und … ist gesprungen.«

»Wohin?«

»In den Bottich, Madame. Genau in dem Moment, als der Erntemeister den Schwarzen anstach … Sie ist einfach in den Bottich gesprungen.«

...