Blasse Helden - Roman

von: Arthur Isarin

Knaus, 2018

ISBN: 9783641221720 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 17,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Blasse Helden - Roman


 

I

TANZBÄR

Wann immer der Generaldirektor Igor Pawlowitsch in das Bürogebäude kam, gab sich die Rohstoffabteilung hochmotiviert. Er allein entschied über monatliche Menge und Preis, die eines der größten Stahlwerke an sie lieferte. Anton bemerkte zu seinem Missfallen, wie auch er im Umgang mit dem Sibirier eine devote Haltung annahm.

Alles lief nach der bewährten Routine ab. Zu Beginn war das Konferenzzimmer noch voll von Antons Mitarbeitern, die sich bereithielten, Igor Pawlowitschs Fragen zu beantworten. Anton folgte wortlos dem Abgleich logistischer Details. Noch eine halbe Stunde, dann wäre seine Mitarbeit gefragt. Es war sein neunter Monat in Moskau.

Er hatte die Stadt wie durch eine Tapetentür betreten, und man stellte ihm eine kleine Wohnung aus den dreißiger Jahren in der für hiesige Verhältnisse engen Brjussow-Gasse zwischen Twerskaja und Tschaikowski-Konservatorium zur Verfügung. Das hohe graue Haus in bester Lage stammte vom Architekten des Lenin-Mausoleums, was als Erklärung für die düsteren Räume galt. Unter Stalin war das Gebäude verdienten Künstlern vorbehalten gewesen, woran der Straße zugewandte Reliefs in der Hauswand erinnerten. Die Wohnung im dritten Stock hatte zwei Zimmer, die in etwa gleich hoch wie breit waren. Aus den Fenstern blickte man auf Pappeln und auf ein Wohnhaus aus den zwanziger Jahren. Im Sommer wartete er manchmal auf dem klobigen Steinbalkon, bis die Klingel des Konservatoriums läutete, um dann erst in einen der Säle hinüberzugehen. Bis zum Büro in Kitai Gorod, einem der ältesten Viertel Moskaus, waren es zehn Minuten mit dem Wagen. Es unterschied sich völlig von seinem letzten Arbeitsplatz in Manhattan, wo er als Controller für eine Versicherungsgesellschaft gearbeitet hatte. Dort saß er im 28. Stockwerk über der Wall Street, hier im ersten Stock eines kleinen Bürohauses, das eben erst errichtet zwischen heruntergekommenen Mietshäusern stand.

Den November ’89 hatte er mit Freunden auf der Berliner Mauer verbracht, und als diese schließlich fiel, wünschte er sich nur noch, so weit wie möglich in den Osten einzutauchen.

Zurück in New York, begann er Russisch-Unterricht zu nehmen, knüpfte Kontakte zu Emigranten und aß an den Wochenenden Borschtsch in Brighton Beach. Einer seiner Onkel, ein Anwalt aus Köln, machte ihn auf einen Mandanten aus Moskau aufmerksam, und während seines nächsten Besuchs in Deutschland traf er sich zum ersten Mal mit Paul Ehrenthal.

Der etwas linkische Kaufmann mit baltisch-deutschen Wurzeln und einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung lebte seit Anfang der siebziger Jahre als Handelsvertreter in Moskau. Die Sowjetunion duldete seit ihren Anfängen einige wenige privatwirtschaftliche Organisationen, um unverzichtbare Importe abzuwickeln. Als die Wirtschaftsreformen Ende der achtziger Jahre Wirkung zeigten, hatten solche kommerziellen Strukturen aufgrund von Kapitalausstattung, Organisationsgrad und Netzwerk einen Vorsprung gegenüber den neu auftretenden Konkurrenten. Mitunter verzettelten sie sich jedoch in einem übermütigen Aktionismus, der in allerlei unsinnige Investitionen mündete. Auch Ehrenthal versuchte auf die für seine Verhältnisse meist zu schnellen Züge aufzuspringen. Tatsächlich erzielte er zunächst im Rohstoffbereich einige Anfangserfolge, wurde in letzter Zeit aber von smarten jungen Russen aus den lukrativeren Geschäftsfeldern verdrängt. Sie hatten bei dem trägen und zaudernden Ehrenthal leichtes Spiel.

Der ehrbare hanseatische Kaufmann, wie er sich selbst gerne nannte, der mental immer ein erbsenzählender Handelsvertreter blieb, war längst vom neuen Russland überfordert und flüchtete sich in nostalgische Schwärmerei für die Sowjetunion der siebziger Jahre. Stetes Lamentieren und der Hang zum Belehren verrieten seine Bereitschaft, sich mit den Krümeln zufriedenzugeben, die die echten Oligarchen übrig ließen.

Ehrenthal war auf der Suche nach einem vertrauenswürdigen Mr Fix-it, der seine ebenso breitgefächerten wie unklugen Investitionen in Russland konsolidieren sollte. Die Sowjetunion zerfiel gerade rapide, und Anton nahm die Herausforderung an, zu groß war die Verlockung nach all den Charakteren und ihren Geschichten in der Neuen Welt. Er war jetzt zweiunddreißig Jahre alt und hoffte, in der Öde des Ostens, die so verblüffend sein Lebensgefühl spiegelte, eine Leichtigkeit zu finden, die er, wie er sich in aufrichtigeren Momenten eingestand, nie erlebt hatte.

Die Mitarbeiter verließen nach und nach den Raum, bis sich nur noch Igor Pawlowitsch und Anton gegenübersaßen. Ehrenthal hatte gerade noch vorbeigeschaut, um den Grußaugust zu geben. Er sagte dann immer denselben Satz.

»Mein lieber Igor Pawlowitsch, die Welt verläuft nicht linear.«

Der Sibirier nickte hierauf stets wortlos, und Ehrenthal ließ sie wieder alleine.

Vordergründig war bereits alles geklärt. Um von den nach Stahl lechzenden Chinesen weiterhin zu profitieren, würde das Kombinat die Liefermengen erhöhen. Nun glitten sie hinüber zum inoffiziellen Teil des Treffens. Den Übergang bildete etwas Small Talk. Igor Pawlowitsch widmete sich seit einiger Zeit der Großwildjagd und berichtete von den Mühen, die Big Five in Ostafrika zu erlegen, wobei sich Elefant und Nashorn die Waage hielten. Eine köstliche Schilderung über den verwegenen Transport der Trophäen im Privatjet nach Sibirien folgte.

Das Intermezzo belangloser Plauderei neigte sich dem Ende zu. Gleich würde der Generaldirektor des metallurgischen Kombinats kleinteilige Wünsche äußern. Die Verteilung der Bestechungssummen aus den diversen Vereinbarungen bildete den Höhepunkt der vierteljährlichen Treffen. Über die exakte Summe gab es keinen Zweifel, Anton hatte in den vergangenen Wochen alle diesbezüglichen Vorgänge stark vereinfacht und übersichtlicher strukturiert. Transparenz stand nun an vorderster Stelle, mühselige Interpretationsdifferenzen gehörten der Vergangenheit an.

Igor Pawlowitsch hielt sich bereits seit fast zwei Jahren an der Spitze des Kombinats. Dies lag nicht an seinen beruflichen Fähigkeiten. Vielmehr teilte der kluge Mann ohne Reue seine Kick-backs mit all denjenigen, die ihn im Gegenzug weiterhin am Leben ließen.

Das hemmungslose Plündern des ihm anvertrauten Unternehmens war höchst rational. Jeden Tag drohte Vertreibung. Sein Aktienpaket und sein Vertrag spielten dabei keine Rolle, nie gehörte einem etwas wirklich, weder damals in der Sowjetunion noch heute. Wer nicht von Beginn an alles zusammenraffte und unauffindbar verschwinden ließ, galt als Idiot. Igor Pawlowitsch war keiner. Wenn er sich noch sechs Monate hielt, würde sein Reinvermögen bei etwa fünfzig Millionen Dollar liegen.

Wie immer schob er sorgfältig einen kleinen Zettel mit Notizen in die Mitte zwischen sich und Anton. Dieser nickte betulich-konspirativ.

»Igor Pawlowitsch, wie sollen wir diesmal verfahren?«

Jetzt folgten detaillierte Instruktionen zu Überweisungen auf Konten von Offshorefirmen, deren Begünstigte sich nur sporadisch änderten. Der Gouverneur, zwei Minister, eine KGB-Tarnorganisation, zwei leitende Angestellte des Kombinats, ein lokaler Gewerkschaftsboss und ein paar Banker, die über Kredite entschieden. Dann kam er zu den Konten von Ehefrau und Geliebter in Zürich und Genf. Damit sie sich nicht begegneten, so sein jovialer Running Gag.

Als Nächstes folgte Igor Pawlowitschs ausgeklügelte Spezialität, die vierteljährliche Auftragsliste für zu bestellende Neuwagen. Welches Modell für wen als adäquate Aufmerksamkeit vorgesehen war, bildete einen zuverlässigen Indikator für die aktuellen Machtkonfigurationen in der Provinz und in Moskau. Danach kam noch Kleinkram, ein paar der günstigeren Rolex-Modelle und zwei Dutzend individuell gravierte Montblanc-Füller, Mitbringsel für das Fußvolk in den Ministerien, ohne deren Kooperation Anweisungen von oben nur schleppend umgesetzt wurden.

Bis zu diesem Punkt äußerte der Russe keine problematischen Wünsche. Anton begann sich bereits zu entspannen.

»Noch eine Bitte zum Schluss. Sie kennen doch meinen Sohn Pjotr?«

Der Deutsche nickte verständnisvoll. Familienangehörige standen für potentielle Katastrophen.

»Ein aufgeweckter Junge. Er soll nach Atom«, sagte der Generaldirektor.

»Sie meinen Eaton.«

»Wie auch immer. Er ist begabt. Also ab nächstem Monat.«

»Spricht er denn Englisch?«

»Ein wenig. Den Rest kann er ja dort lernen.«

Anton stimmte zu. »Hierfür gibt es Agenturen. Aber das ist mit Aufwand verbunden. Rechnen Sie fürs Erste mit zweihunderttausend Dollar.«

»Der Junge ist es wert.«

Anton erinnerte sich vage an das hyperaktive Bürschchen, er war ihm im Moskauer oder im sibirischen Domizil des Generaldirektors begegnet. Ein Teil der Summe würde als Rücklage für das Schmerzensgeld der Erzieher dienen müssen. Er könnte den Sibirier jetzt warnen; die Auslagerung der Brut in Nobelinternate führte unweigerlich zu irreparablen Zerwürfnissen in den Familien. Bereits beim ersten Wiedersehen mit den Eltern wurden diese vom Nachwuchs als neureich gekleidete Emporkömmlinge erkannt, deren Tischmanieren zu problematisch waren, um weiter mit ihnen zu verkehren. Das Kalkül von Igor Pawlowitsch, das Kerlchen so auf eine tragende Rolle im zukünftigen Russland vorzubereiten, war an Einfalt nicht zu überbieten. Die einmal in Oxbridge oder an der LSE sozialisierten Blagen kehrten nie mehr ins Land ihrer grobschlächtigen Vorfahren zurück. Natürlich behielt Anton all dies für sich; es ging hier schließlich nicht um Familienberatung, sondern um ein rustikales Stahlgeschäft. Außerdem nahm er dem...