Dr. Siri und die Tränen der Madame Daeng - Dr. Siri ermittelt 10 - Kriminalroman

von: Colin Cotterill

Goldmann, 2018

ISBN: 9783641203672 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Dr. Siri und die Tränen der Madame Daeng - Dr. Siri ermittelt 10 - Kriminalroman


 

1

ZWEI SCHLIMME FINGER

Am 25. Dezember 1978 flog der Lautsprechermast in Abschnitt sechs im Süden That Luangs unversehens in die Luft, ein laotischer Rock, in dessen Saum ein abgetrennter Finger eingenäht war, passierte unbeanstandet das staatliche Postbeförderungssystem, und Vietnam marschierte in Kambodscha ein. Seitdem waren ein paar Wochen vergangen, aber die beiden alten Männer, die am Ufer des schokoladenbraunen Mekong auf einem Baumstamm saßen, hatten ihre Ansichten zu diesen drei Ereignissen noch längst nicht hinreichend erörtert. Dr. Siri Paiboun – ehemals amtlicher Leichenbeschauer der Demokratischen Volksrepublik Laos – hatte Ersteres mit eigener Hand herbeigeführt. Genosse Civilai Songsawat – ehemals Mitglied des Politbüros – hatte Letzteres vorhergesagt, doch seine Mahnungen waren, wie üblich, ungehört verhallt. Aber der Finger? Tja, darauf konnte sich keiner der beiden einen Reim machen.

»Vielleicht gehörte er ja der Weberin«, gab Civilai zu bedenken. »Und es war ein schnöder Arbeitsunfall.«

»Was?«, sagte Siri. »Du meinst, sie war so sehr in Kette und Schuss vertieft, dass sie ihren eigenen Finger in den Saum einnähte, ohne es zu merken? Und als sie abends nach Hause kommt und ihr Mann fragt: ›Wo ist denn dein Finger geblieben?‹, senkt sie versonnen den Blick, stellt fest, dass ihr der Finger abhandengekommen ist, und sagt: ›Hm. Ich muss ihn wohl versehentlich in einen der Röcke eingenäht haben?‹«

Eine Zeitlang herrschte Schweigen, während die beiden alten Knaben sich über ihr Mittagessen hermachten. Seit sie die Mitte der siebzig überschritten hatten, bissen sie sich an den kross gebackenen Baguettes buchstäblich die Zähne aus. Ebenso wie die Schnapsbrenner ihrem Whisky inzwischen Ingredienzien beimischten, welche die Wahrscheinlichkeit eines massiven Katers um ein Vielfaches erhöhten, und die Fahrradhersteller genau die Gänge abgeschafft hatten, die es einem ermöglichten, einen Hügel zu erklimmen, ohne aus der Puste zu geraten, schien der Bäcker sich auf die Fertigung von Schuhsohlen verlegt zu haben. Alles untrügliche Indizien für den Verfall zivilisatorischer Errungenschaften, da gab es für Siri keinen Zweifel.

Civilai nahm einen Schluck Tamarindensaft und spülte sich damit den Mund, bevor er schluckte. »Sarkasmus«, sagte er, »heißt mit Stöcken nach dem Gegner werfen, wenn einem die Munition ausgeht.«

Siri nickte und bedachte seinen ältesten Freund mit einem Lächeln. »Lenin?«

»Civilai.«

»Was du nicht sagst. Nun ja, für deine traurigen Verhältnisse gar nicht so übel.«

»Die Firma dankt. Und ich bleibe bei meiner Hypothese. Eine des Lesens und Schreibens unkundige junge Frau, die für einen Hungerlohn in einem Sweatshop schuftet, schneidet sich einen Finger ab und schickt ihn, als verzweifelten Hilfeschrei, mit der abendlichen Phasin-Lieferung in die weite Welt hinaus.«

Wieder nickte Siri. Eine Geste, die bei ihm nur selten Zustimmung signalisierte. »Deine Theorien werden ja immer grauer, großer Bruder«, sagte er. »Wie, bitte, sollen wir mittels eines abgehackten Fingers die Identität der Frau feststellen?«

»Fingerabdrücke.«

»Fingerabdrücke? Oha. Darin zeigt sich, wie schon so oft, der fundamentale Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Politiker.«

»Inwiefern?«

»Der Mediziner – ein Mann der Wissenschaft – würde den relativen Wert eines Fingerabdrucks ermessen. Und die zu Gebote stehenden Möglichkeiten sondieren. Soll er die zentrale Fingerabdruckkartei zu Rate ziehen, die es in Laos bekanntlich nicht gibt? Soll er ihn mit ähnlichen Abdrücken vom nicht vorhandenen Tatort vergleichen? Oder soll er von Haus zu Haus ziehen wie der Prinz im Märchen, bis er ein Aschenputtel gefunden hat, dessen Gliederstumpf perfekt zu dem ausrangierten Finger passt?«

Civilai grinste. »Und der Politiker?«

»Würde vor Kameras und Mikrofone treten, hehre Versprechungen machen, gewählt werden und den Wissenschaftlern die Schuld in die Sandalen schieben, wenn sie nicht die gewünschten Ergebnisse liefern.«

Sie widmeten sich wieder ihren Baguettes.

Ein paar Schritte weiter warf eine zierliche Frau in gelben Gummistiefeln ein großes Netz in den Fluss. Die Gewichte versanken im schmutzigen Wasser, und die Fischersfrau zerrte an den Seilen. Es war bereits der siebte Versuch, und wie schon bei den vorangegangenen sechs war der Ertrag gleich null.

»Ebenso gut könnte sie versuchen, mit einem Lasso eine Fliege zu fangen«, sagte Siri. »Dabei müsste sie doch bloß …«

»Und wie denkst du über den Finger?«, fragte Civilai, den Fische nur interessierten, wenn sie in Zitronensaft gedünstet waren.

»Ich denke, er könnte ein Hinweis sein.«

»Ah. Daher der Name Fingerzeig.«

»Ich vermute, er ist nur ein Teil des Puzzles. Es lag kein Brief bei, und auf dem Paket stand kein Absender. Es wäre natürlich durchaus möglich, dass die Zensoren im Ministerium für Misstrauen und Paranoia den Schrieb konfisziert haben. Aber ich glaube, der Rock selbst will uns etwas sagen.«

»Ein sprechender Rock?«

»In der Tat. Die Webart des phasin ist sehr ungewöhnlich, äußerst farbenfroh. Madame Daeng zufolge stammt er wahrscheinlich aus dem Norden. Sie hat ihn den Frauen auf dem Morgenmarkt gezeigt, die sich mit solchen Dingen auskennen. Will man seine Herkunft ermitteln, ist ein laotischer sin nicht minder aufschlussreich als ein Fingerabdruck.«

»Der Freistempel war in dieser Hinsicht wohl keine große Hilfe?«

»Er war so schwach, dass er sich nicht mehr entziffern ließ.«

»Mich wundert, dass den Finger bei der Post niemand bemerkt hat.«

»Er war ziemlich dürr. Mir ist er anfangs auch nicht aufgefallen. Erst als Köter den Rock immer öfter sabbernd beäugte, habe ich ihn genauer unter die Lupe genommen. Der Gute hat ein Näschen für abgetrennte Körperteile.«

»Und wie ist es um seine Kletterfähigkeiten bestellt?«

»Recht mäßig, wie bei Hunden üblich. Aber was spielt das für eine Rolle?«

»Ich habe mich nur gerade gefragt, ob du ihm womöglich beigebracht hast, einen Lautsprechermast hinaufzukraxeln.«

»Ach, Civilai. Jetzt fängst du auch noch damit an. Warum muss ich eigentlich jedes Mal als Sündenbock herhalten, wenn ein sowjetischer Haufen Elektroschrott in Rauch aufgeht?«

»Keine Ahnung. Vielleicht weil du schon zwei Mal wegen Fällens hölzerner Lautsprechermasten festgenommen worden bist?«

»Ich wurde beide Male freigesprochen.«

Gebannt verfolgten sie ein Luftscharmützel. An die hundert Schwalben jagten über dem Wasser hin und her und pflückten knusprige Mistkäfer aus der warmen Brise.

»Ich bin ziemlich sicher, dass sie nur deinetwegen auf Beton umgestiegen sind«, sagte Civilai.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ein hinfälliger Greis von vierundsiebzig Jahren mit angegriffener Lunge, einer halb verkrüppelten Hand und einem fehlenden linken Ohrläppchen in der Lage ist, vier Meter hoch zu klettern, den Schaltkasten zu knacken, eine Handgranate darin zu deponieren und sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, bevor sie explodiert? … Gesetzt den Fall, es war eine Handgranate. Ich muss allerdings gestehen, dass ich eine gewisse Bewunderung für den Täter hege. Wer lässt sich schon gern in aller Herrgottsfrühe von zackigen Parteigesängen oder Ratgebereien à la ›Mit welchem Urin-Wasser-Mix muss ich mein Gärtlein düngen, um die dicksten Papayas zu ernten?‹ aus dem wohlverdienten Schlummer reißen? Von der Hitparade der Werktätigen des Monats und den Ernteberichten unserer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nicht zu reden. Und das mit der Dezibelstärke eines Düsenjets direkt vor meinem, äh, seinem Schlafzimmerfenster. Ja, ich muss zugeben, dass mir der Halunke irgendwie sympathisch ist.«

»Früher oder später werden sie dich kriegen.«

»Noch gilt die Unschuldsvermutung, Bruder Civilai. Und was soll das ganze Theater überhaupt? Wegen einer geschmolzenen Lötstelle? Du tust ja gerade so, als wäre ich in Kambodscha einmarschiert.«

»Wie du wohl weißt, lassen die geringsten Vergehen sich am leichtesten bestrafen. Aber nach deiner unrühmlichen Begegnung mit Bruder Nummer Eins ist die Befreiung dessen, was von Kambodscha noch übrig ist, in deinen Augen vermutlich gar kein Verbrechen.«

»Nein, du hast ganz recht. Ein Hoch auf die heldenhaften Vietnamesen. Erst haben sie Pol Pot auf den Thron gehievt, und dann haben sie vier Jahre seelenruhig mit angesehen, wie er zwei Millionen Menschen ermordet hat. Nicht, dass sie in Kambodscha einmarschieren, ist ein Verbrechen, sondern dass es vier Jahre zu spät geschieht.«

Der achte Fischzug der Frau in den gelben Gummistiefeln bescherte ihr so reiche Beute, dass ihre Familie eine Woche davon leben konnte. Das Netz war derart schwer, dass sie Mühe hatte, es an Land zu ziehen. Die alten Knaben kamen ihr zu Hilfe. Am Ufer verlor Siri den Halt und stürzte in den Fluss. Er schluckte Wasser und lachte prustend.

»Das wird den Chinesen gar nicht gefallen«, meinte Civilai.

»Was? Die Fischerei?«

»Vietnam. China hat die Roten Khmer auch während des Völkermordes unterstützt. Selbst jetzt pumpen sie noch Unmengen von Hilfsgeldern ins Land.«

Als sie die steile Uferböschung schließlich erklommen hatten, fielen alle drei ins Gras und rangen nach Luft. Husten- und...