Geister auf der Metropolitan Line - Eine Peter-Grant-Story

von: Ben Aaronovitch

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2018

ISBN: 9783423433716 , 176 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Geister auf der Metropolitan Line - Eine Peter-Grant-Story


 

1 Ceci n'est pas un métro


Jaget erzählte, er hätte eine Fernsehdoku darüber gesehen, wie Menschen das Fährtenlesen lernen.

»Also, nicht Weiße, ja?«, sagte er. »Die Leute, die im Busch aufwachsen.«

Ganz konkret das südafrikanische Volk der !Xun, allerdings konnte Jaget den Klicklaut nicht aussprechen, bis ich es ihm beibrachte. Ich kann’s auch nur, weil ich einst den romantischen Traum hegte, nach Südafrika auszuwandern, und es mir von jemandem beibringen ließ. Seither hatte ich es zehn Jahre nicht mehr geübt, was bedeutete, dass wir es wahrscheinlich beide völlig falsch machten. Die anderen Passagiere schauten uns jedenfalls ziemlich komisch an – vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass wir beide in Uniform waren.

Also, Sergeant Jaget Kumar stolziert ja die ganze Zeit in Uniform herum, um Terroristen, Taschendiebe und Leute, die zu laut Musik hören, besser in Schach halten zu können. Ich hingegen kann normalerweise ganz gut ohne meine stichsichere Metvest leben. Vor allem in der U-Bahn zur morgendlichen Rushhour Ende Juli, wenn in den Läden Mineralwasser zum Megaseller wird. Die S8-Züge sind zwar angeblich klimatisiert, aber bemerken tut man davon wenig bis gar nichts.

Wobei es erstaunlich ist, wie einem so eine Polizeiuniform selbst in der vollsten U-Bahn gute zehn Zentimeter persönlichen Freiraum verschafft. Die anderen Fahrgäste kriechen sich buchstäblich gegenseitig in die Achselhöhlen, um dich nur ja nicht zu berühren. Vielleicht glauben sie, das bringt Unglück oder so was.

»Also«, sagte Jaget. »Die Buschleute lernen das Fährtenlesen von klein auf, ja? Sobald sie laufen können, nehmen die Väter sie mit raus und zeigen es ihnen, und wenn sie erwachsen sind, sind sie Topspezialisten. Da war so ein Junge, der musste einen Wildwechsel nur anschauen und konnte dir sämtliche Viecher aufzählen, die in den letzten Tagen da langgekommen waren.«

»Woher wussten die, dass er sie nicht anschwindelt?«

»Was?«

»Na, das Filmteam«, sagte ich. »Woher wussten sie, dass es stimmt, was er sagte? Vielleicht hatte er das alles komplett erfunden.«

»Warum sollte er?«

»Weil da ’ne Horde Typen mit Kohle und Kameras um ihn herumstand und er sich dachte, das wollen sie bestimmt hören?«

»Also, ich fand’s glaubhaft.«

Ich sagte, ich hätte ein paar Nächte lang eine Wildkamera aufgestellt, dann hätte man die Aussage des Jungen mit den Aufnahmen abgleichen können. Jaget meinte, darum gehe es doch gar nicht.

»Worum dann?«

»Dass Abigail vielleicht deshalb besser im Geisteraufspüren ist als du, weil du sie die letzten Jahre nur das hast machen lassen. So etwa zehntausend Stunden lang.«

»Sie hat auch noch andere Sachen gemacht.«

»Was denn?«

»Weiß ich nicht«, sagte ich. »Und das macht mir irgendwie Sorgen.«

In diesem Moment entstand weiter hinten im Zug Unruhe. Ein schöner lauter Schrei wäre uns noch lieber gewesen, aber nach zwei Stunden in der U-Bahn zur Stoßzeit war uns alles recht.

»Na endlich«, sagte Jaget.

Selbst in Uniform brauchten wir gute fünf Minuten, um uns ans Wagenende durchzudrängen. Als wir im fraglichen Bereich ankamen, taten dort alle hingebungsvoll so, als wäre nichts geschehen.

Ich merkte mir die Gesichter der Umstehenden, falls sie später noch wichtig wurden, und nahm dann die junge weiße Frau im blauen Kostüm aufs Korn, die neben der Tür am Ende des Zuges saß. Sie fiel mir deshalb auf, weil erstens ihr Gesicht etwas gerötet war und sie uns zweitens ständig verstohlene Blicke zuwarf, um sich gleich darauf wieder wahnsinnig für ihren Kindle zu interessieren.

Jaget und ich gingen daran, einschüchternde Präsenz zu zeigen, bis um uns herum genug Platz war, dass ich in die Hocke gehen und sie in meinem besten nicht-bedrohlichen Ton fragen konnte, ob alles in Ordnung sei. Falls es Sie interessiert – dieser freundliche, leutselige Singsang mit beruhigender lokaler Note (in meinem Fall Cockney) ist wohlbedacht. Wir üben das vor dem Spiegel. Es dient dazu, Ihnen zu suggerieren, dass wir total nette, kundenorientierte moderne Polizisten sind, deren absolute Priorität es ist, Ihr persönliches Wohl zu sichern … die aber trotzdem nicht verschwinden werden, bevor Sie nicht den Mund aufgemacht haben. Sorry, so ticken wir nun mal.

Ich überließ dann aber Jaget das Feld, weil es sich technisch gesehen um sein Terrain handelte – vor allem, falls es sich als ganz ordinäre sexuelle Belästigung herausstellen sollte. Er entlockte ihr erst einmal ihren Namen: Jessica Talacre, vierundzwanzig, PR-Frau bei einem kleinen technischen Verlag in der Charterhouse Street.

»Waren Sie das, die gerade geschrien hat?«, fragte er.

»Ich bin nur erschrocken.« Sie verschränkte die Arme. »Jemand hat mich angerempelt.«

Jaget ließ den Blick über die Umstehenden und -sitzenden wandern. »Jemand von diesen Leuten?«

»Ist schon gut«, sagte sie. »War sicher keine Absicht.«

»Aber es war niemand von den Leuten hier, oder?«, fragte ich.

Jessica Talacre sah mich scharf an. »Wieso denken Sie das?«

»War etwas an der Person merkwürdig?«, fragte ich zurück.

»Außer dass es ein Geist war?« Sie blickte trotzig und dann ein bisschen besorgt, ob wir vielleicht Zwangsjacken dabeihatten.

»Was bringt Sie zu der Annahme, dass der Betreffende ein Geist war?«, fragte ich.

»Na, dass er sich vor meinen Augen in nichts aufgelöst hat.«

Ich zog mein Notizbuch heraus und fragte, ob sie ihn beschreiben könne.

»Moment mal«, sagte sie. »Sie glauben mir?«

 

Seit einiger Zeit waren gehäuft Hinweise eingegangen, dass auf der Metropolitan Line Geister unterwegs waren. Was Jaget pflichtschuldig an mich weitergab, weil für störende Gruselfaktoren die Einheit Spezielle Analysen zuständig ist, auch bekannt als Folly oder »die verdammten Spinner«. Da die ESA eine eher kleine operative Kommandoeinheit ist, bestehend aus Detective Chief Inspector Nightingale und mir, und da sich kein Inspector frühmorgens aus dem Bett bequemt, wenn es nicht mindestens um eine Leiche in der Bibliothek geht, dürfen Sie nur zweimal raten, wer für das Aufnehmen der meisten Fälle zuständig ist.

Als ich Jaget zum ersten Mal begegnete, arbeitete er bei der Abteilung London Underground der British Transport Police. Vor kurzem hatte diese sich neu organisiert und ihn in die protzige Zentrale in Camden versetzt – mit höchsteigenem Büro. Er war nun direkt dem Chief Constable unterstellt und auf dem Papier eine Art mobiler Troubleshooter, in Wirklichkeit aber dafür zuständig, sich um Fälle von abstrusem Scheiß (sprich: Magie) in der U-Bahn zu kümmern. Schuld daran war seiner Meinung nach natürlich ich.

»Wieso denn ich? Du bist doch so wild aufs Erforschen unterirdischer Gänge. Du bist aus völlig freien Stücken da reinmarschiert.«

Immerhin gab er zu, dass seine Arbeit seit der Versetzung recht abwechslungsreich geworden war. Er zeigte mir auch sein brandneues Büro, von dem aus man einen hübschen Blick auf den Parkplatz und den Kanal gehabt hätte, wenn nicht die Jalousien ständig hätten geschlossen sein müssen, damit keiner reinschauen konnte.

»Die breite Öffentlichkeit muss ja nicht mitkriegen, was wir den ganzen Tag so anstellen«, sagte er und überreichte mir einen gelben Ordner voller Papiere. Heutzutage schickt man sich auch bei der Polizei Dokumente normalerweise als Mailanhang, aber im Folly wird bevorzugt auf die gute alte Art gearbeitet. Nur für den Fall, dass unsere Mails geleakt werden – außerdem ist erst die eine Hälfte unserer Belegschaft schon im 21. Jahrhundert angekommen.

»Das hier hab ich von Project Guardian bekommen«, erklärte Jaget. »Mit der Bitte um meinen Rat.«

Project Guardian war eine gemeinsame Initiative von BTP, Transport For London, der Met und der City Police gegen sexuelle Belästigung und aggressives Verhalten im öffentlichen Nahverkehr. Eines ihrer Ziele war, eine höhere Meldungsrate für solche Delikte zu erreichen, was bedeutete, dass man den Opfern das Gefühl vermitteln musste, sie ernst zu nehmen. Wenn also gleich mehrere Anzeigen wegen Belästigung durch »einen Typen, der gar nicht da war« hereinkommen, wirft man die gefälligst nicht in die Tonne. Sondern gibt sie bitteschön an diejenigen weiter, die für genau solche Abstrusitäten zuständig sind – Jaget und mich.

»Ein Typ, der gar nicht da war?«, fragte ich.

Es waren zwei Meldungen von Männern und fünf von Frauen, die entweder den Notruf oder die Hotline von Project Guardian angerufen hatten. Sie gaben an, betatscht, beschimpft und in einem Fall rassistisch beleidigt worden zu sein.

»Alle auf der Metropolitan Line«, bemerkte Jaget.

So richtig abstrus wurde es bei der Nachverfolgung der Angelegenheit. Als Project Guardian sich bei ihnen meldete, bestritten alle sieben Opfer, dass der Vorfall je stattgefunden hatte, und zeigten sich überrascht bis genervt, dass die Polizei etwas von ihnen wollte. Nun kommt es zwar ständig vor, dass Zeugen und Opfer ihre Meinung ändern, vor allem bei Gewalt- und Hasskriminalität. Aber hier lag definitiv ein Muster vor. Ich fragte mich, ob sie eingeschüchtert worden waren.

»Gab es noch weitere Folgemaßnahmen?«, wollte ich wissen.

»Project Guardian war besonders bei Amirah Khalil besorgt, wegen des rassistischen Aspekts.« Jaget zeigte mir das Protokoll ihres Notrufs. Die relevanten Stellen waren markiert....