Vom Ende der Einsamkeit

von: Benedict Wells

Diogenes, 2018

ISBN: 9783257609301 , 368 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Vom Ende der Einsamkeit


 

{13}Strömungen


(1980)

{15}Als ich sieben war, machte meine Familie Urlaub in Südfrankreich. Mein Vater, Stéphane Moreau, stammte aus Berdillac, einem Dorf bei Montpellier. Tausendachthundert Einwohner, eine Boulangerie, eine Brasserie, zwei Weingüter, eine Schreinerei und eine Fußballmannschaft. Wir besuchten unsere Oma, die den Ort in den letzten Jahren nicht mehr verlassen hatte.

Wie auf allen längeren Autofahrten trug unser Vater eine alte, hellbraune Lederjacke, im Mundwinkel seine Pfeife. Unsere Mutter, die den Großteil der Fahrt über gedöst hatte, legte eine Kassette mit Beatles-Songs ein. Sie drehte sich zu mir um.

»Für dich, Jules.«

Paperback Writer, damals mein Lieblingslied. Ich saß hinter ihr und summte mit. Die Musik wurde von meinen Geschwistern übertönt. Meine Schwester hatte meinen Bruder ins Ohr gekniffen. Martin, von uns nur »Marty« genannt, schrie auf und beschwerte sich bei unseren Eltern.

»Du blöde Petze.« Liz zwickte ihn wieder ins Ohr.

Sie stritten heftiger, bis unsere Mutter sich umdrehte und beide ansah. Ihr Blick war ein Meisterwerk. Er zeigte sowohl Verständnis für Marty angesichts seiner gemeinen Schwester wie auch für Liz angesichts ihres nervigen {16}Bruders, vor allem aber zeigte er, dass jeglicher Streit total sinnlos war, und darüber hinaus deutete er sogar noch an, dass es für brave Kinder an der nächsten Tankstelle ein Eis geben könnte. Meine Geschwister ließen sofort voneinander ab.

»Wieso müssen wir eigentlich jedes Jahr zu Oma fahren?«, fragte Marty. »Wieso können wir nicht mal nach Italien?«

»Weil es sich so gehört. Und weil eure mamie sich über euren Besuch freut«, sagte Vater auf Französisch, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

»Stimmt nicht. Sie mag uns gar nicht.«

»Außerdem riecht sie so komisch«, sagte Liz. »Nach alten Polstermöbeln.«

»Nein, sie riecht nach einem modrigen Keller«, sagte mein Bruder.

»Sagt nicht immer solche Sachen über eure mamie!« Unser Vater lotste den Wagen durch einen Kreisverkehr.

Ich sah aus dem Fenster. In der Ferne erstreckten sich Thymiansträucher, Garigue und Krüppeleichen. Die Luft roch würziger in Südfrankreich, die Farben waren intensiver als zu Hause. Ich griff in meine Tasche und spielte mit den silbernen Franc-Münzen, die vom vorigen Jahr übriggeblieben waren.

Gegen Abend erreichten wir Berdillac. Der Ort kam mir im Rückblick immer wie ein mürrischer, aber im Grunde liebenswerter Greis vor, der den ganzen Tag vor sich hin döst. Wie in vielen Gegenden im Languedoc waren die Häuser aus Sandstein gebaut, sie hatten schlichte Fensterläden und rötliche, verwitterte Ziegeldächer, von der tiefstehenden Sonne in weiches Licht getaucht.

{17}Der Kies knirschte unter den Rädern, als der Kombi vor dem Haus am Ende der Rue Le Goff zum Halten kam. Etwas Unheimliches ging von dem Gebäude aus, die Außenfassade war von Efeu überwachsen, das Dach marode. Es roch nach Vergangenheit.

Unser Vater stieg zuerst aus und eilte mit federnden Schritten zur Tür. Es müssen damals »seine« Jahre gewesen sein, wie man so sagt. Mit Mitte dreißig hatte er noch sein dichtes, schwarzes Haar und begegnete jedem mit liebenswürdiger Höflichkeit. Oft sah ich, wie Nachbarn und Kollegen um ihn standen und gebannt zuhörten, wenn er sprach. Das Geheimnis war seine Stimme: sanft, nicht zu tief, nicht zu hoch, sein Akzent nur angedeutet, wie ein unsichtbares Lasso legte sie sich um seine Zuhörer und zog sie näher zu sich heran. In seinem Job als Wirtschaftsprüfer war er sehr geschätzt, doch für ihn zählte nur seine Familie. Jeden Sonntag kochte er für uns alle, er hatte immer Zeit für uns Kinder, und mit seinem jungenhaften Lächeln wirkte er optimistisch. Wenn ich später Bilder von ihm ansah, erkannte ich allerdings, dass schon damals etwas nicht stimmte. Seine Augen. Ein Funke Schmerz lag in ihnen, vielleicht auch Angst.

Unsere Großmutter erschien in der Tür. Sie hatte einen schiefen Mund, und ihren Sohn sah sie kaum an, als schäme sie sich für etwas. Beide umarmten einander.

Wir Kinder beobachteten die Szene vom Wagen aus. Es hieß, unsere Großmutter sei in ihrer Jugend eine hervorragende Schwimmerin gewesen und im ganzen Dorf beliebt. Das musste hundert Jahre her sein. Ihre Arme wirkten zerbrechlich, sie hatte einen runzligen Schildkrötenkopf, und {18}den Lärm, den ihre Enkel machten, schien sie kaum noch zu ertragen. Wir Kinder fürchteten uns vor ihr und vor dem karg eingerichteten Haus mit den altmodischen Tapeten und Eisenbetten. Ein Rätsel, wieso unser Vater jeden Sommer hierherkommen wollte. »Es war, als müsse er Jahr für Jahr an den Ort seiner größten Demütigungen zurückkehren«, hatte Marty später einmal gesagt.

Doch es gab auch: Kaffeeduft am Morgen. Sonnenstrahlen auf dem gefliesten Boden des Salons. Zartes Scheppern aus der Küche, wenn meine Geschwister das Besteck für das Frühstück holten. Mein Vater in seine Zeitung vertieft, meine Mutter Pläne für den Tag schmiedend. Danach Höhlenwanderungen, Fahrradtouren oder eine Partie Pétanque im Park.

Ende August schließlich das alljährliche Weinfest von Berdillac. Abends spielte die Kapelle, die Häuser waren mit Lampions und Girlanden geschmückt, und der Geruch von gegrilltem Fleisch durchzog die Straßen. Meine Geschwister und ich saßen auf der großen Treppe vor dem Rathaus und sahen zu, wie die Erwachsenen auf dem Dorfplatz tanzten. In meiner Hand die Kamera, die mir mein Vater anvertraut hatte. Eine schwere und teure Mamiya; ich hatte den Auftrag bekommen, Fotos vom Fest zu schießen. Das empfand ich als Ehre, unser Vater überließ sonst keinem seine Kameras. Stolz machte ich ein paar Bilder, während er unsere Mutter elegant über die Tanzfläche führte.

»Papa ist ein guter Tänzer«, sagte Liz sachverständig.

Meine Schwester war elf, ein großes Mädchen mit blonden Locken. Schon damals hatte sie das, was mein Bruder und ich die »Theaterkrankheit« nannten; Liz benahm sich {19}zu jeder Zeit, als stünde sie auf einer Bühne. Sie strahlte, als wären mehrere Scheinwerfer auf sie gerichtet, und sprach so laut und klar, dass selbst die Menschen in den hintersten Reihen sie problemlos hörten. Vor Fremden gab sie gern die Frühreife, doch in Wahrheit hatte sie ihre Prinzessinnenphase gerade erst überwunden. Meine Schwester zeichnete und sang, sie spielte gern draußen mit den Nachbarskindern, duschte sich oft tagelang nicht, wollte mal eine Erfinderin werden, träumte dann wieder davon, eine Elfe zu sein, und in ihrem Kopf schienen tausend Dinge gleichzeitig zu geschehen.

Damals machten sich die meisten Mädchen über Liz lustig. Oft sah ich, wie meine Mutter bei ihr im Zimmer saß und beruhigend auf sie einredete, wenn ihre Mitschülerinnen sie wieder geärgert oder ihren Schulranzen versteckt hatten. Danach durfte auch ich in Liz’ Zimmer. Dann schlang sie wild ihre Arme um mich, ich spürte ihren heißen Atem auf meiner Haut, und sie erzählte mir noch einmal alles, was sie unserer Mutter erzählt hatte, und vermutlich noch mehr. Ich liebte meine Schwester wie nur irgendwas, und das änderte sich auch nicht, als sie mich Jahre später im Stich ließ.

*

Nach Mitternacht lag noch immer eine feuchte Schwüle über dem Dorf. Die Männer und Frauen, die noch auf der Tanzfläche waren – unsere Eltern gehörten dazu –, wechselten nach jedem Lied den Partner. Ich machte wieder ein Foto, obwohl ich die Mamiya kaum mehr halten konnte.

»Gib mal die Kamera«, sagte mein Bruder.

{20}»Nein, Papa hat sie mir gegeben. Ich soll darauf aufpassen.«

»Nur kurz, ich will bloß ein Bild machen. Du kannst das eh nicht.«

Marty entriss mir die Kamera.

»Sei nicht so fies zu ihm«, sagte Liz. »Er hat sich so gefreut, dass er sie haben darf.«

»Ja, aber seine Fotos sind Mist, er kann das mit der Belichtung nicht.«

»Du bist so ein Klugscheißer, kein Wunder, dass du keine Freunde hast.«

Marty schoss ein paar Fotos. Er war das mittlere Kind. Zehn Jahre alt, Brille, dunkle Haare, blasses, unauffälliges Gesicht. Während in Liz und mir deutlich unsere Eltern wiederzufinden waren, hatte er äußerlich nichts mit ihnen gemein. Marty schien aus irgendeinem Nirgendwo gekommen zu sein, ein Fremdling, der zwischen uns Platz genommen hatte. Ich mochte ihn kein bisschen. In den Filmen, die ich sah, waren ältere Brüder immer heldenhafte Jungen, die sich für ihre kleineren Geschwister einsetzten. Mein Bruder dagegen war ein Einzelgänger, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockte, um mit seiner Ameisenkolonie zu spielen oder Blutproben von sezierten Salamandern und Mäusen zu untersuchen – sein Vorrat an toten Kleintieren schien unerschöpflich. Liz hatte ihn vor kurzem einen »widerlichen Freak« genannt, und damit hatte sie ziemlich ins Schwarze getroffen.

Von jenem Urlaub in Frankreich sind mir neben dem dramatischen Vorfall am Ende nur ein paar Bruchstücke geblieben. Allerdings weiß ich noch gut, wie wir {21}Geschwister auf dem Fest die französischen Kinder betrachteten, die auf dem Dorfplatz Fußball spielten, und wie uns dabei ein Gefühl des Fremdseins überkam. Wir waren alle drei in München geboren und fühlten uns als Deutsche. Bei uns gab es außer speziellen Speisen kaum etwas, das auf unsere französischen Wurzeln verwies, und nur selten sprachen wir Französisch. Dabei hatten sich unsere Eltern in Montpellier kennengelernt. Mein Vater war nach der Schule dorthin gezogen, weil er vor seiner Familie fliehen wollte. Meine Mutter war dorthin gezogen,...