Alien Earth - Phase 1 - Roman

von: Frank Borsch

Heyne, 2009

ISBN: 9783641030469 , 496 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Alien Earth - Phase 1 - Roman


 

KAPITEL 2
Rudi war jung, die Nacht war jung – und die Nacht rief ihn.
Rudi ließ sich nicht zweimal bitten. Viel zu lange hatte er in dem Company-Flugzeug gesessen, in dem er mit einer Hundertschaft aufgekratzter Flyboys um die halbe Erde gekarrt worden war, bei Laune – oder im Zaum? – gehalten von endlosen Clips über die Bergung von Alien-Artefakten. Mit steifen Gliedern wankte er die Gangway hinunter und trank die feuchtwarme, würzige Luft eines fremden Kontinents.
Sie schmeckte ihm.
Über ihm leuchteten die Sterne der Subtropen, vor ihm die Scheinwerfer des Suvarnabhumi Airport, dahinter die Lichter Bangkoks und dahinter wiederum, ein fernes, lockendes Glitzern, die Lichter Neo-Bangkoks.
Ein Bus brachte sie in das Hotel am Rand des Flughafens. Rudi verabschiedete sich von Beatrice, die den Flug im Sitz neben ihm verbracht hatte und keine Anstalten machte, von seiner Seite zu weichen, mit der Entschuldigung, er wolle schlafen, um für den großen Tag ausgeruht zu sein. Er ging auf sein Zimmer, zog die Uniform mit dem Alienkreuz aus und Shorts, T-Shirt und Sandalen an. Dann rannte er das verlassene Treppenhaus die zwölf Stockwerke zur Lobby hinunter, lächelte dem Angestellten an der Rezeption freundlich zu und lächelte wieder, als er die Wache am Tor des Hotels passierte.
»Cigarettes?«, sagte er, hob zwei Finger vor den Mund und paffte. Kein illegaler Wunsch, auch wenn es im Company-Hotel natürlich keine gab. Die Wache war zwei Köpfe kleiner als er, hatte glattes, dunkles Haar, das vor Pomade glänzte, ein Plastikgeschossgewehr – das Äußerste, was die Company sich an Gewalt zugestand – über der Schulter hängen und Augen wie Schlitze. Aber sie war ein Mensch wie er.
»Ah, cigarettes!«, machte die Wache und zeigte die Straße hinunter. »There!«
»Thanks!« Rudi trabte los. Locker. Entspannt. Ein Mann, der Zigaretten holte. Und wie es von Zeit zu Zeit geschieht, bei Männern, die mal schnell Zigaretten holen gehen: Er kam nicht zurück. Rudi war kaum um die Ecke, als er nach einer Rikscha pfiff. Eine Hand voll von ihnen bremste quietschend. Genau, wie Jonathan es ihm im Camp prophezeit hatte. Rudi brauchte einen Augenblick, bevor er seiner Wahrnehmung traute. Er kannte nicht viel von der Welt: Himmelsberg und sechs Monate Ausbildungscamp im Norden Norwegens. Entschlossen schüttelte er die Befangenheit ab, stieg in die nächste Rikscha, wobei er den Fahrern der leer ausgegangen Rikschas entschuldigend zuwinkte, und sagte: »Neo-Bangkok, please.«
»Nee-bankek?«, kam es zurück.
Der Fahrer roch nach Schweiß. Rudi störte es nicht. Eine weitere Würze in einer Nacht, auf die er lange gewartet hatte. Und der Schweiß beruhigte ihn. Schweiß kannte er.
Rudi beugte sich vor. »N-E-O-B-A-N-G-K-O-K«, sagte er langsam und deutlich. So gut er es hinbrachte. Also ziemlich gut, fand er. Sie hatten es ihm im Company-Camp eingetrichtert. Langsam sprechen, jede Silbe betonen. Mehrfach wiederholen. Es fiel schwer, nicht die Geduld zu verlieren, aber die Ausbilder hatten in dieser Hinsicht keinen Spaß verstanden. Die Aufgabe der Company war zu wichtig. Jeder der Flyboys konnte der erste Mensch sein, der das entscheidende Artefakt barg. Die Chance war gering, aber irgendwann würde der Fall eintreten, und dann …
»Ah, Nee-bankek!«, machte der Fahrer jetzt. »Island of Angels?«
»Yes.« Ging doch. Die Insel der Engel, von der ihm der bedächtige Jonathan erzählt, nein, vorgeschwärmt hatte. Genau dorthin wollte er. Zu den Wesen, die so zart waren, dass sie nicht von dieser Welt stammten. Das Nächstbeste zu Aliens.
Die Rikscha fuhr los, tauchte in das Meer des unmotorisierten Verkehrs ein. Rudi lehnte sich zurück, ließ andere Rikschas, Passanten und Straßen an sich vorbeiziehen, als sähe er einen Film, zu aufgewühlt, um mehr zu tun. Endlich. Es ging los. Er war unterwegs. Frei. Heute Neo-Bangkok, morgen der Flug nach Funafuti und danach …
Die Rikscha bremste scharf. Sie standen.
»Neo-Bangkok?«, fragte Rudi den Fahrer.
Der schüttelte den Kopf. »No. Here, boat! Klongs, then Chao Praya, then Island of Angels!«
Jetzt bemerkte Rudi das Glitzern zu seiner Rechten. Natürlich. Klongs. Kanäle. Jonathan hatte ihm auch von ihnen erzählt. Und natürlich musste Rudi ein Boot nehmen, um nach Neo-Bangkok zu kommen. Es war eine Insel.
Rudi bezahlte den Fahrer, fürstlich, nach den allzu überschwänglich ausfallenden Dankesbezeigungen des Mannes zu urteilen, und kletterte in das Boot. Rudi kümmerte es nicht. In Himmelsberg hatte es kein Geld gegeben. Es bedeutete ihm nichts. Für Rudi waren es nur bunte Papierblätter oder sinnlose Zahlen in einem Computersystem.
Das Boot war offen und vielleicht fünf Meter lang. Ein Frachtkahn mit Elektromotor, der die Engel der Insel belieferte. Rudi fand einen Platz zwischen den Paletten und quetschte sich hinein. Der Mann, dem das Boot gehörte, kletterte mit traumwandlerischer Sicherheit zu ihm, als kenne er – im Gegensatz zu Rudi – keine Übelkeit, nahm ihm einige der hiesigen bunten Scheine ab und machte das Boot los.
Die matten Lichter Bangkoks blieben hinter Rudi zurück, während sich die grellen Lichter Neo-Bangkoks vor ihm aus dem Dunst und den Wellen schälten. Jonathan hatte nicht gelogen. Sie waren heller als alles, was Rudi je erblickt hatte. Die Amerikaner mussten hinter Neo-Bangkok stecken, es mit Strom und Öl versorgen. Das Boot hüpfte auf und ab, als sie den Fluss, der Bangkok durchzog, hinter sich ließen und auf das offene Meer des Golfs von Thailand steuerten. Rudi hielt sich an den Paletten fest und konzentrierte sich auf die Etiketten der Waren, um sich von der Übelkeit abzulenken, die ihn überkam. Das Meer war kein guter Ort für Rudi. Er war weder seefest noch konnte er schwimmen. Der einzige Tümpel Himmelsbergs war nicht tief genug gewesen, als dass es sich gelohnt hätte, es zu lernen. Und im Sommer trocknete er sowieso aus. Rudi, der Nichtschwimmer. Es hatte ihn beinahe das Lebensglück gekostet. Ein Flyboy musste seefest sein. Die Luft war das Element des Flyboys. Darunter … kam noch mehr Luft. Nur, irgendwann kam das Wasser, zu 99,999999 %. Zumindest im Revier der Flyboys. Früher oder später, hatte man ihnen eingetrichtert, würde es jeder von ihnen zu schlucken haben.
Hätte Rudi am entscheidenden Tag des Tests im dunklen Polarmeer, das für den tropischen Pazifik hatte herhalten müssen, seinem Innenohr nicht mit einem halben Dutzend verschiedener Pillen auf die Sprünge geholfen, und hätte Jonathan die Ausbilder nicht im entscheidenden Augenblick mit einer seiner tief schürfenden Fragen abgelenkt, dann wäre es um ihn geschehen gewesen. Sie hätten gemerkt, dass Rudi nur marginal besser schwamm als ein Stein, den man ins Wasser warf. Die Company hätte ihn niemals antreten lassen, ein Stellvertreter hätte für Rudis Platz geboten, ein Millionärssohn wie Jonathan vielleicht, und ihm das Ex-Glückslos ausbezahlt. Und Rudi wäre die Wahl geblieben, auf welche Weise er sich hätte lebendig begraben lassen wollen: auf demütige Weise mit einer Rückkehr nach Himmelsberg, um zu schuften, bis erst sein Geist und schließlich sein Körper tot umfiel, oder auf die großkotzige Tour, als Neureicher, der an den dahinschwindenden Pools der Welt herumlümmelte und wehmütig in den Nachthimmel glotzte, welcher einst ein einziges Versprechen gewesen war, und sich mit teuren Cocktails zuschüttete, bis jede Sehnsucht in ihm abgesoffen war.
Eine Welle warf das Boot hoch, ließ es einen Augenblick schwerelos in der Luft schweben, dann klatschte es hart auf das Wasser.
Rudis Magen wand sich. Gut, dass er den Gratis-Drinks im Flugzeug widerstanden hatte. Blöd, dass er die angebrochene Pillenschachtel im Lager vergessen hatte.
»Big boat!«, rief der Bootsmann von seinem Platz am Heck und zeigte auf einen riesigen Umriss, der wie eine Wand neben dem Boot aufragte. Im Licht eines vereinzelten Scheinwerfers konnte Rudi den Fuß zweier Masten erkennen. »No worry!«
Rudi winkte dem Mann zu, um ihm anzuzeigen, dass er den Frachter gesehen hatte, und las zum zehnten Mal die Etiketten der Waren. Papiertücher und Bier waren es, was die Engel der Insel verlangten. Chlorfrei gebleicht das Erstere, aromatisiert beide.
Und dann, er hätte die Etiketten bereits auswendig vorsingen können, lag endlich Neo-Bangkok vor ihm. Die Insel der Engel – errichtet aus Stahl, Bauschutt und Müll. Begonnen als schwimmende Plattform in den späten Zehnern, um den damals dritten internationalen Flughafen der schrankenlos wachsenden Stadt zu beherbergen. Eine Bauruine, als der zivile Flugverkehr im Feuer schultergestützter Boden-Luft-Raketen zusammenbrach, danach – lange Zeit – eine praktische Müllkippe für Bangkok, dann eine Zuflucht für alle, für die sich in der Multimillionenstadt kein Platz fand, und auch für diejenigen, die dort keinen Platz finden wollten, und – schließlich – der Ort, an den die Konfuzius-Puritaner, kaum waren sie an der Regierung, den ungeliebtesten Gewerbszweig der Stadt trieben. Neo-Bangkok nannten es die hartnäckig nach Thailand vorstoßenden Touristen rasch und vergaßen das alte. Insel der Engel nannten die Einwohner Neo-Bangkoks selbst ihre Stadt, in Anspielung auf Krung Thep, die Stadt der Engel, aus der man sie vertrieben hatte.
Das Boot legte an. Rostgeruch vermischte sich mit dem Salz in der Luft. Ein Heer stählerner Pfeiler verschwand vor Rudi in der Dunkelheit. Was er sah, war nur die Spitze des Eisbergs. Der überwiegende Teil der Insel der Engel verbarg sich unter der Wasseroberfläche, reichte fünfzig Meter tief bis zum Meeresboden. Die Insel war die Mutter aller...